zwölf Stunden stille Meditation

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Zwölf Stunden stille Meditation

Kölner Stadtanzeiger 30.12.2003

von JOACHIM SPROTHEN

„Um grenzenlose Freiheit und Zufriedenheit zu erreichen, muss man alle Dinge loslassen, die nicht wichtig sind.“

Mechernich-Wachendorf – Auch bei einigen der rund 30 Buddhisten, die im Schloss Wachendorf die abendländische Zen-Schule „Offene Weite“ mit Leben erfüllen, werden am Silvesterabend Böller und Feuerwerkskörper knallen. „Wir leben schließlich im sozialen Gefüge mit unseren Familien und Freunden“, gibt Prior Taiku Güttler zu bedenken. Deshalb werden sich auch Güttler und die elf ordinierten Glaubensbrüder nicht abkapseln, wenn in Deutschland der Jahreswechsel mit Getöse gefeiert wird. Im Buddhismus spielt diese Tradition allerdings nicht die geringste Rolle.
Der christliche Kalender ist nämlich nach Auffassung Güttlers mehr oder minder willkürlich festgelegt. Und selbst 2000 Jahre seien im Geschehen der Zeit eher unbeachtlich. Dennoch wurde am Sonntag im „Zendo“, was so viel wie Übungsraum bedeutet, ein Jahresausklang begangen. Der hatte allerdings mit Freudenfeuern, China-Krachern und knallenden Sektkorken überhaupt nichts gemein. Von morgens um 7 Uhr wurde zwölf Stunden lang in aller Stille meditiert. Belanglose Plaudereien waren verpönt. Die Kommunikation beschränkte sich auf das Allernötigste. Taiku Güttler: „Hier soll kein Gedankenaustausch gepflegt werden.“ Als der Tagesleiter Dietmar Taikyodo Seichter die Glocke im Zendo bediente, war dies die Aufforderung, nicht nur absolute Stille zu bewahren, sondern auch noch in Regungslosigkeit zu verharren.
Die Meditation in tiefer Stille ist kein esoterischer Schnickschnack, sondern für Buddhisten von grundlegender Bedeutung. Sie beschränkt sich auch nicht auf den Jahresausklang, sondern ist ein stetiger Erfahrungsprozess. Buddha, der gerade von den Zen-Buddhisten besonders verehrt wird, obwohl er keinen Status als Gott im christlichen Sinne hat, vertrat nämlich folgende These: „Glaubt nichts von dem, was ich euch erzähle, bevor Ihr es nicht selbst erfahren habt.“ Auf diesem Weg zum Ziel der tiefen Erleuchtung durch Selbsterfahrung ist Meditation unerlässlich. Taiku Güttler kam in einer tiefen Lebenskrise zum Buddhismus. Seinen Beruf als Pilot konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben.
Eigentlich wollte der auf die Vornamen Helmut Franz getaufte Güttler sogar katholischer Priester werden.

Aber die katholischen Dogmen hätten ihm keine Antworten auf seine Lebensfragen gegeben: „Mit »Das musst Du glauben« konnte ich persönlich nichts anfangen.“
Der Buddhismus hat Güttler, der die Zen-Schule in Wachendorf vor 16 Jahren gründete, aus seiner Lebenskrise herausgeholfen. „Taiku“ bedeutet „friedvolle Stille“. Und der Mann, der freimütig einräumt, früher stark suizidgefährdet gewesen zu sein, macht diesem Namen alle Ehre. Wer mit ihm spricht, hat den Eindruck, es mit einem völlig ausgeglichenen Menschen zu tun zu haben. Der Weg dorthin sei allerdings mitunter „die Hölle“ gewesen. Güttler verwendete ausgerechnet einen Terminus, den es im Buddhismus überhaupt nicht gibt. Ein Leben nach dem Tod im christlichen Sinne – sei es in besagter Hölle, im Fegefeuer oder im Himmel – ist nämlich in dieser Weltreligion nicht vorgesehen. „Alles ist vergänglich, nichts von Dauer“, so Taiku Güttler. Eine ewige Seele gebe es somit nicht. Güttler und seine Anhänger wollen bereits auf Erden und zu Lebzeiten das Nirwana erreichen.
Wobei Buddhisten nicht die Fehler anderer Menschen anprangern. Das wäre sogar ein Verstoß gegen die zehn „Kais“ (Regeln), deren Befolgung jeder Schüler Güttlers nach einer „Lehrzeit“ von mindestens einem Jahr bei der Ordinationszeremonie feierlich verspricht. Buddhisten fangen bei sich selbst an. Taiku Güttler: „Es geht nicht darum, die böse Welt zu verändern.“ Verändern müsse sich der Mensch selbst. Güttler vergleicht den dadurch angestrebten Erfolg mit dem Billard-Spiel. Die Läuterung durch Selbsterfahrung hat demnach eine ansteckende Wirkung: „Eine Billard-Kugel stößt die andere an.“
Der spirituelle Weg bis zur eigenen Erleuchtung ist aber kein Honigschlecken. Vorgaben mache der Buddhismus zwar nicht. Güttler: „Jeder Weg ist richtig, man muss ihn nur gehen.“ Um durch tiefe Meditation zur Zufriedenheit zu gelangen, müsse man aber „alle Dinge loslassen, die nicht wichtig sind“. Wer glaubt, ohne lieb gewordene profane Annehmlichkeiten des täglichen Lebens nicht auskommen zu können, ist als Buddhist eine Fehlbesetzung. Güttler: „Der Satz »Ohne das kann ich nicht leben« ist Quatsch.“ Wichtig sei vielmehr, zur Spontaneität und Ursprünglichkeit der Kinder zurückzufinden. Was den kleinen Erdenbürgern zumeist schon ab dem zweiten Lebensjahr durch übergestülpte Verhaltensmaßregeln gründlich wegerzogen werde. Die kindliche Ursprünglichkeit durch Meditation wieder in sich aufzunehmen, ist mit harter Arbeit verbunden. Aber der angestrebte Erfolg sei diese Mühsal allemal wert. Güttler: „Ziel aller ist grenzenlose Freiheit und umfassende Zufriedenheit – hier und jetzt.“An dieser Stelle geben uns Persönlichkeiten einen kleinen Einblick in ihr Leben.

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